Geschichte

150 Jahre Ev.-Lutherische Kirchengemeinde in Essen

Die Gemeinde ist ca. 50 Jahre älter als das Kirchgebäude am Moltkeplatz. Ihre Anfänge gehen zurück in das Jahr 1861. Wie kam es zu ihrer Entstehung? Mit Auszügen aus der Festschrift „100 Jahre Lutherische Kirche am Moltkeplatz in Essen 1910-2010“ von Dr. Gert Ritter und Friedrich Schlechter sollen die Anfänge der Gemeinde nachgezeichnet werden.

Warum eine Lutherische Kirche neben der Ev. Landeskirche?
(Dr. G. Ritter)

Nach der Stiftsauflösung (1802/1803) und einem kurzen bergisch-französischen Zwischenspiel fielen beide geistlichen Territorien im Stadtgebiet von Essen (Stift Essen und Abtei Werden) 1815 an Preußen. Der preußische König Friedrich Wilhelm III mahnte alsbald die Vereinigung der beiden protestantischen Konfessionen an. Die Zeit dafür schien auch recht günstig, da das von der Euphorie der Befreiungskriege genährte Nationalgefühl der Deutschen auch die konfessionelle Einigung beflügelte. Die Hohenzollern strebten kirchenpolitisch bereits seit ihrem Übertritt zum reformierten Bekenntnis die Vereinigung von Lutheranern und Reformierten an. Die Glaubenseinheit in Gottesdienst und Sakrament sollte durch eine neue Agende (Gottesdienstbuch) hergestellt werden, an der der König selbst mitarbeitete. Er war der Ansicht, Unterschiede und Gegensätze u.a. im Sakramentsverständnis könnten durch entsprechende Formeln ausgeglichen werden.

Zum 300 jährigen Reformationsjubiläum 1817 wurde in Preußen ein erster Schritt unternommen, die „Union durch ein gemeinsames Abendmahl“. Mit Erlass vom 29.7. 1817 rief der König die protestantischen Gläubigen auf, das Abendmahl gemeinsam zu begehen und dadurch die Union zu „einer evangelisch-christlichen Kirche“ zu vollziehen. Aber obwohl der König drängte und dabei regional auch harte Disziplinierungsmaßnahmen nicht scheute, kam eine Union auf der Grundlage einer einheitlichen Agende nicht zustande. In einigen östlichen Provinzen war der Widerstand gegen die Union besonders stark, im Westen hingegen – so auch in Essen – gelang sie relativ reibungslos. Da sich inzwischen die national-euphorischen Begleitgründe etwas verflüchtigt hatten, kam am Ende jedoch „nur“ eine föderative Union in Preußen ohne Agende zustande (1834), mit einer gemeinsamen Organisationsstruktur und der gegenseitigen Zulassung zum Abendmahl.

Die strengen Lutheraner fügten sich dieser staatlich verordneten Union nicht. Bereits 1830, im Jubiläumsjahr der Augsburger Konfession, erklärten sich 2500 Lutheraner in Breslau für unabhängig von der Unionskirche und bildeten eine erste altlutherische Gemeinde. Es folgte ein zehnjähriger Kirchenkampf, in dessen Verlauf lutherische Pfarrer ihrer Ämter enthoben bzw. gefangen gesetzt wurden. Als der neue König Friedrich Wilhelm IV die Religionsausübung freigab, schlossen sich die Altlutheraner auf ihrer Generalsynode in Breslau 1841 zur „Evangelisch-Lutherischen Kirche in Preußen“ zusammen. Durch königliche Generalkonzession vom 23. 7. 1843 wurden die Korporationsrechte für die Gemeinden und ein selbständiges Kirchenregiment gewährt. Außerhalb Preußens entstanden lutherische Freikirchen in Baden, Hannover, Hessen („Renitente“) und Sachsen.

Erste Anfänge der lutherisch-freikirchlichen Gemeinde in Essen
(F. Schlechter)

Im Westen des preußischen Staates – so auch in Essen – hatten sich Lutheraner und Reformierte gemäß den Wünschen des Königs Friedrich Wilhelm III. nach 1815 ohne Widerspruch in einer evangelisch christlichen Kirche vereinigt. Als 1817 die Regierung in Düsseldorf anregte, in Essen das lutherische und das katholische Gymnasium zusammenzulegen, kam die Frage auf, ob es nicht näher läge, lutherische und reformierte Gemeinden zu vereinigen. Gemeinsam wurde das Reformationsjubiläum gefeiert, anschließend stimmten die Gemeinden in ihren Gliedern einer Vereinigung zu. Eine Kommission aus beiden Gemeinden ohne Pastoren erarbeitete eine Einigungsurkunde, und am 28. Februar 1819 wurde die Union in Essen feierlich und verbindlich eingeführt.

Von Glaubensfragen spricht die Urkunde nicht, auch Lehr- und Bekenntnisgrundlage nennt sie nicht. Sie erklärt „die bisherige reformierte und lutherische Gemeinde, nach reiflicher Erwägung in allen Stücken übereinstimmend, für vollständig und innig vereint unter dem Namen ‚christlich evangelische Gemeinde zu Essen.’“

In § 3 heißt es „die Prediger legen den Namen lutherisch und reformiert ab und nennen sich gleich der Gemeinde ‚evangelisch.’“

Zur gleichen Zeit erwachten in den lutherischen Landeskirchen konfessionelles Bewusstsein, Besinnung auf lutherische Kirche, Bekenntnis und Glauben; in Hannover war es Pastor D. Petri, Begründer des lutherischen Gotteskastens, in Bayern Pastor Wilhelm Löhe, der Begründer der Anstalten in Neuendettelsau.

Auch in der westlichen unierten Kirche entstand ein Fragen nach lutherischer Kirche, vor allem von zugezogenen lutherischen Christen. In Köln, Düsseldorf und Bochum bildeten sich erste kleine lutherische Gruppen, von Gemeinde kann man kaum sprechen. In Essen entstand eine lutherische Gemeinde aus allerkleinsten Anfängen. Zunächst war es eine einzige Frau, Frau Bergrat Focke, Ehefrau des in Essen tätigen Bergrats Karl Friedrich Wilhelm Focke, die sich seit 1844 ausdrücklich zu den Lutheranern bekannte.

In der Urkunde zur Grundsteinlegung der Kirche am Moltkeplatz, die von Pastor Johannes Ziemer verfasst und am 22. August 1909 niedergelegt wurde, heißt es: „Freilich gab es damals (1844/45) noch keine lutherische Gemeinde, nicht einmal eine lutherische Familie, sondern nur eine einzige Frau, die der lutherischen Kirche anzugehören trachtet. Es war die Frau Bergrat Focke. Diese verehrungswürdige Dame ist nach Gottes wunderbarem Ratschluss die Begründerin der lutherischen Kirche am ganzen Niederrhein überhaupt geworden! Wie hat Gott der Herr ihr treues Festhalten an den Bekenntnissen seiner lutherischen Kirche gelohnt! Viele Tausende von Lutheranern in unserer Gegend danken zunächst Gott in gewisser Weise doch dieser edlen Frau, dass sie sich heute noch hier auf ihren lutherischen Glauben erbauen können!“

Amalia Franziska Focke wurde am 26. Mai 1802 in Pempelfort bei Düsseldorf geboren, Tochter des Staatsrats Georg Arnold Jacobi, Enkelin des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi. Von ihrer Mutter im reformierten Glauben erzogen, hörte sie im Hause des Onkels Max Jacobi die Erweckungspredigt des katholischen Kaplans Johannes Gossner, der später die Berliner Mission förderte. Bei einem Aufenthalt in Elberfeld lernte sie den reformierten Pastor Wichelhaus kennen. Danach arbeitete sie in den Rettungsanstalten für verwahrloste Kinder des Grafen Adalbert von der Recke-Volmarstein in Düsseltal. Mit ihren späteren Mann Karl F. W. Focke, der zu dieser Zeit in Düsseltal tätig war, ging sie nach Essen, als er dort als Bergrat tätig wurde. 1844 bekannte sie sich endgültig zu den Lutheranern und bekommt von Pastor Johann Gottfried Wermelskirch von der Evangelisch-Lutherische Kirche in Preußen aus Erfurt 1844 das Abendmahl nach lutherischer Weise gereicht. (Teilweise nach Hans und Peter Lochmann, aus der evangelischen Kirche am Niederrhein, Köln 1981, S. 50ff; s. auch Rudolf Rocholl, Edle Frauen, Elberfeld 1912).

Es folgen drei Freundinnen und einige Männer, die bis 1847 von Pastor Wermelskirch betreut werden. Die Gottesdienste finden bis 1861 als Hausgottesdienste bei Familie Focke statt.

Die Essener Gemeinde wächst nur ganz langsam. Zwar zählte die Parochie Köln-Düsseldorf-Essen 1851 200 Mitglieder, doch Essen selbst hat 1854 erst acht Beitrag zahlende Mitglieder, die jährlich 79 Taler aufbringen.

1861 wurde Essen vom Oberkirchenkollegium in Breslau als Predigtort anerkannt. Da im gleichen Jahr Familie Focke nach Dortmund wegzog, verloren die Essener ihren Gottesdienstraum, fanden aber bald eine neue Bleibe bei Familie Dutmann im II. Hagen, später nutze man für jährlich 25 Taler ein Zimmer bei Schlossermeister Schneider in der Postallee 40. Dort fand Franz Hermann Ziemer 1873 die Lutheraner, nachdem er aus Altwerder in Pommern nach Essen gezogen war, um bei der Firma Krupp als Ingenieur tätig zu werden. „Gestern habe ich den Ort gefunden, wo die Lutheraner ihre Zusammenkünfte halten. Es ist ein kleines Stübchen (dagegen ist unser Kirchlokal in Altwerder/Pommern ‚prächtig’ zu nennen), das aber zu nichts anderem benutzt wird und sehr feierlich aussieht.“

Die Essener Gemeinde bestand jetzt aus 13 Gemeindegliedern und wurde von Superintendent Ludwig Feldner (Elberfeld) oder einem seiner Hilfsprediger Berger (später Pastor in Seefeld/Pommern) betreut. 1873 war dies der spätere Pastor und Superintendent Adolf Rübenstrunk. Ihm wurde 1873 von dem nichtlutherischen Essener Bürger Max Huyssen ein geräumiger Saal unentgeltlich überlassen, ein Angebot, das er mit Einverständnis der Gemeinde gern annahm und bis 1877 nutzen konnte.

Seit 1875 war Julius Greve Pastor der Gemeinde. Er wohnte in Elberfeld. In seiner Zeit wuchs die Gemeinde zur größten innerhalb des Parochialverbandes (Köln-Düsseldorf-Essen), so dass man aufgrund des höheren Kirchbeitragsaufkommens daran denken konnte, für den Pastor eine Wohnung am Ort zu mieten. 1882 war es soweit. Pastor Greve zog in die Wohnung Rheinische Straße 32. Leider nur eine kurzfristige Lösung, da er 1883 nach Breslau übersiedelte, wohin ihn das Oberkirchenkollegium als Leiter des Theologischen Seminars berufen hatte.

Der Nachfolger, Pastor Johannes Eberle, ging schon 1885 in seine Heimat Württemberg zurück.

Es folgte Hilfsprediger Paul Junk, der, als er Pastor der Parochie Köln-Düsseldorf-Essen wurde, nach Düsseldorf zog. Bezeichnend ist die Begründung: Düsseldorf habe bessere Luft, bessere Lage, sei bequemer für die Pastoren, habe bessere Leute und biete dadurch passenderen Umgang für die Pastoren (so formuliert F. H. Ziemer in seinen Aufzeichnungen zur Geschichte der Gemeinde).

1877 hatte Max Huyssen wegen theologischer Differenzen der Gemeinde den Saal als Versammlungsstätte entzogen. Im August fand die Gemeinde ihr Unterkommen in einem kleinen Saal in der I. Weberstraße 57, bis sie im Jahr 1890 ihr erstes Eigentum in der Alfredistraße 36 erwarb. Gekauft wurde das Haus vom Gemeindeglied Matthaeus Gimpel, später von der Gemeinde Köln, ehe die Gemeinde Essen es grundbuchmäßig erwerben konnte, da sie erst seit September 1899 die Korporationsrechte (Körperschaft des öffentlichen Rechts) besaß. Der Erwerb der Alfredistraße 36 war für die Gemeinde insofern von Vorteil, als sich im 1. Stock außer dem Gottesdienstraum noch weitere Räume befanden, die für kleinere Gruppen und als kurzfristige Unterbringungsmöglichkeit genutzt werden konnten. Außerdem war das Parterre weiterhin langfristig vermietet und stellte somit eine kleine Einnahmequelle für die Gemeindekasse dar.

Konsolidierung der Essener Gemeinde
unter Pastor Johannes ZIEMER

1902 hatten sich die Zahl der Gemeindeglieder und damit auch das Beitragsaufkommen und andere Gemeindeeinnahmen so gut entwickelt, dass man an eine selbständige Parochie Essen/Bochum mit eigenem Pastor dachte und einen entsprechenden Beschluss an das Oberkirchenkollegium in Breslau richtete. Im Oktober wurde die Parochie Essen/Bochum eingerichtet und gleichzeitig trat Johannes Ziemer, der in der Gemeinde aufgewachsen war und seit fünf Jahren in Schwenningdorf als Pastor tätig war, als erster Pastor der neuen Parochie sein Amt an.

Es war die Zeit, in der die Bevölkerung Essens ungeheuer schnell anwuchs durch Zuzug aus allen preußischen Provinzen, vor allem den östlichen, und anderen deutschen Ländern. Die Firma Friedrich Krupp entwickelte sich in rasantem Tempo und die Zahl der Zechen stieg ständig. Überall brauchte man zusätzliche Arbeitskräfte. Dieses Wachstum sehen wir auch in der Altlutherischen Gemeinde in Essen: 1860: 51;  1877: 67 / 1894: 287 / 1898: 375 / 1902: 482 / 1906: 604.

So schreibt Johannes Ziemer für die Zeit seines Amtsantritts 1902: „Die Gemeinde ist zu einem erheblichen Teil geworden durch Zuzug ... Infolgedessen ist der Charakter der Gemeinde eine starke Mischung der verschiedenen Volksarten; sie besteht aus Gruppen von Landsmannschaften – ist also eine Mischgemeinde – von Schlesiern, Pommern, Hannoveranern, Mecklenburgern, Thüringern, Bayern, Hessen, Badensern usw., aber aus geborenen Essenern erst in der zweitjüngsten und jüngsten Generation.“

... Fortsetzung in der Festschrift auf Seite 54.

 

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